Erwachsen handeln – Soziale Kompetenzen im Unterricht erwerben

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Im Schuljahr 2025/26 entschied ich mich als Klassen- und Deutschlehrer einer zehnten Klasse am Goethe Gymnasium Düsseldorf, eine Klassenarbeit durch ein Projekt zu ersetzen. Das ist jeweils einmal im Schuljahr durch die Prüfungsordnung gedeckt. Im Rahmen der Demokratieerziehung und zur Stärkung der Sozialkompetenzen führte ich daher mit den Schülern und Schülerinnen das Projekt „Erwachsen handeln“ (Lions Quest) durch. Dabei ging es mir vor allem darum, das Thema nicht nur abstrakt und akademisch mit Arbeitsblättern, Präsentationen und Referaten abzuhandeln, sondern gemäß dem pädagogischen Grundsatz buchstäblich mit „Kopf, Herz und Hand“ (Pestalozzi) erfahrbar zu machen und die Schüler/innen ein wenig aus ihrer „Komfortzone“ zu holen. Nach Abwägung einiger Projektvorschläge kam schließlich eine kleine Schülergruppe mit der Idee, das Kinderhospiz „Regenbogenland“ in irgendeiner Weise zu unterstützen. Anfangs war ich wenig begeistert, da der Umgang mit dem Thema „Tod“, gerade in einer vergleichbaren Altersgruppe wie die der Schüler/innen selbst, emotionell sehr belastend sein kann. Andererseits wollte ich das Engagement der Schüler/innen aber auch nicht ausbremsen und da auch die Eltern keinen Widerstand zeigten, stimmte ich, anfangs sehr skeptisch, zu.

Im Unterricht beschäftigten wir uns zunächst mit der Frage, warum Vereine, private Initiativen und z.T. auch NGO (Nicht-Regierungsorganisationen) so eine wichtige Rolle in einem demokratischen Gemeinwesen spielen. Politisch relevante Arbeit muss ja nicht unbedingt parteipolitisch erfolgen – dieser Aspekt war den Schülern und Schülerinnen weitgehend unbekannt, für die Politik, Demokratie und ganz allgemein „der Staat“ etwas abstraktes, weit entferntes darstellte, oft apostrophiert durch „die da oben“. 

Doch was kann der Einzelne tun?

Diese Frage beantwortete meiner Klasse die Leiterin des „Regenbogenlandes“ in einem halbtägigen Seminar, das sie freundlicherweise in den Räumen des Hospizes für uns abhielt. Mit großem Ernst und sichtlich berührt folgten die Schüler/innen den Ausführungen von Frau Schweeberg, stellten interessierte Fragen und gingen z.T. auch offen mit ihren eigenen Erfahrungen mit dem Thema „Tod“ um.

Sehr schnell entwickelte sich im darauffolgenden Unterricht die Idee, Spenden zu sammeln; das war für mich auch in Ordnung, doch in unserer ohnehin eher materiell ausgerichteten Gesellschaft wollte ich den Schülern und Schülerinnen auch ein Gefühl dafür vermitteln, das Geld nicht alles lösen kann. Der Aspekt „Erwachsen handeln“ sollte mehr umfassen, als Geld einzusammeln. Doch auch diese Vorbehalte zerstreuten meine Schüler/innen sehr schnell, denn sie wurden in einem Ausmaß aktiv, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte: durch Straßensammlungen – inklusiver vieler Gespräche mit Passanten -, selbst gebastelte Spendenhäuschen in Cafés und Restaurants und Spenden durch Verwandte kamen binnen kürzester Zeit € 1200,- zusammen. Das hat mich schon schwer beeindruckt, da diese ganzen Aktivitäten in der Freizeit der Klasse stattfanden.  Darüber hinaus boten wir dem Regenbogenland auch unsere Arbeitskraft an; Frau Schweeberg dachte dabei z.B. an die Gartengestaltung im Frühsommer, natürlich ebenfalls außerhalb der Unterrichtszeit. Dieses Angebot lösten wir ein, indem meine Schüler/innen und ich einen Nachmittag lang Vogelhäuser bohrten, hämmerten und bemalten, um damit den Gästen des Hospizes eine kleine Freude zu bereiten.

In der Rückschau kann ich das Projekt nur als gelungen beschreiben; selten hatte ich meine Schüler/innen so ernst und so „erwachsen“ erlebt und die Erfahrung, selbst für unser Gemeinwesen aktiv zu werden, hat bei der Klasse zu einem gewaltigen Erkenntnisgewinn beigetragen, wie unser demokratischer Staat funktioniert, nämlich nicht durch „die da oben“, sondern durch uns selbst.

(OStR. Dr. Michael Tech, Goethe Gymnasium)